Stefan Egger, heute der bekannteste deutschsprachige Cosmic DJ, fährt mit seinen Eltern 1980 zum Gardasee in den Urlaub, und entdeckt die Discoteca Cosmic. Er ist sprachlos - wieder zuhause in Innsbruck besorgt er sich Plattenspieler und sucht sofort fanatisch nach Platten.
Bereits ab 1981 (im Alter von 16 Jahren) Stefan Egger spielt Cosmic auf Parties. Erst in kleinen Gemeindesälen; aber im Laufe der Zeit besucht er auch andere Clubs in Italien, wo die Cosmic Szene abhängt, schliesst Kontakte, und organisiert erste Cosmic Feste in Innsbruck – der Cosmic Sound gelangt nach Österreich und von dort aus nach Süddeutschland.



Die italienischen Vorreiter spielen nun auch nördlich von Bologna vor grossem Publikum, und bis etwa 1985 vergrössert sich der Dunstkreis stetig. Über Stefan Egger, der seine ersten „Afromeetings“, mehrtägige Feste, organisiert, gelangt der Cosmic Sound bis nach München. Dort, fast zehn Jahre verspätet, schlägt der Sound auch total ein. Man kann heute sagen, dass jeder Münchner, der zwischen 25 und 35 ist, einmal in seinem Leben ein Cosmic Tape besessen hat.

Nach der Schliessung des „Cosmic“ 1984 verlagert sich Cosmic endgültig in andere Clubs und verändert sich.
Stefan Egger: „Wir wurden poppiger und kommerzieller - es ging ums Überleben. Die Djs der ersten Stunde ( Baldelli, Loda, Mozart und Co) zogen mit Ihrem Sound nicht mehr. Techno und somit elektronische Beats wurden immer bekannter und da wurde dann auch Cosmic moderner.“
Während nun in Italien ab Mitte der 80ger der Hype abklingt, wird er in Deutschland und Österreich kurzzeitig kommerziell verwertet. Es entstehen nicht nur kopierte Tapes, sondern sogar Vinyl Bootlegs und später auch Cds.
Insgesamt wird die Szene zwar nach wie vor grösser, ist aber letztendlich immer noch deep underground.
Denn erst bekommen nur Musikfreaks und kiffende Jugendliche den Trend in Österreich und Deutschland mit. Aber für Kiffer und Freaks ist Cosmic Sound die einfache Lösung aller Weggeh-Probleme, weil es zwischen Innsbruck und München kaum Alternativprogramm gibt. Abgesehen davon sind die meisten Feste in der Peripherie, wo es ausser Cosmic tatsächlich nichts zum Ausgehen gibt.
München, 1989:
Seit mittlerweile über 10 Jahren gibt es nun Cosmic und die Djs spielen im Grunde immer noch den gleichen Sound: Avantgarde-Platten der deutschen Kraut,- Elektronikszene und Afrofunk. In München und Innsbruck werden grosse Hallen für Parties gemietet, wofür die DJ Grössen aus Italien (mittlerweile beschränkt auf Corrado, Yano, TBC, Loda, Mozart, Baldelli, Fattori) eingeladen werden. Die Szene bleibt aber unter sich, und bekommt andere Weiterentwicklungen wie Techno, oder der Weiterentwicklung von Disco, nämlich House, nicht mit.
Anfang der Neunziger entstehen in München und Innsbruck Cosmic Sampler, Sammler Editionen für Djs auf Vinyl und CD, die die verrückten deutschen Krautrock und Spacedisco Hymnen für diejenigen zugänglich machen, die die Orginale nicht mehr finden - oder gar nicht mehr kennen. Nach wie vor gibt es eine ganze Reihe stetig neuer Cosmic CD Sampler. Leider haben diese aber mit dem anfänglichen Spacesound von 1980-85 wenig zu tun.
Immer wieder stellt sich im Laufe meiner Ermittlungen dieses eigenartigen Genres die Frage, warum Cosmic immer lokal blieb, und nie kosmisch wurde.
Das liegt natürlich zum Teil daran, das Cosmic keine eigene Stilrichtung ist, sondern erst im Nonstop-DJ-Mix durch die Zusammenstellung unterschiedlicher Elemente und Musikgenres Sinn ergibt. Im Grunde genommen gibt es keine Cosmic Stücke, da aus allen möglich Genres Tracks weiterverwertet und bastardisiert werden, bis sie wie Cosmic klingen.
Zum anderen entwickelt sich Krautrock, der Spacesound der 70ger, Funk und Disco weiter. Keiner der Cosmic DJs fängt an, so wie in der Technoszene der ersten Stunde, eigene Musik zu produzieren, Keiner hat es nötig, oder hält es für nötig, aus dem kleinen Kreis herauszutreten, und professioneller, kommerzieller zu werden – denn die Parties laufen weiter.
Warum hat niemand versucht, den Cosmic Sound wirklich zu verfeinern? Tracks gut abzumischen, zu kommerzialisieren und nicht mehr Tapes, sondern CDs zu verkaufen? Ein Späthippie-Prä-Punk-Do-it-Yourself-Gedanke?
Stefan Egger: „Ich glaube, wir haben alle in unserer Cosmic Welt gelebt und viel zu viel Geld verdient. Das Problem ist, wenn du als DJ ausgebucht bist und teilweise 100 Tapes pro Abend verkauft hast - wie ich und der Yano, oder auch der Baldelli früher, alles schwarz, ohne GEMA und Steuern, dann reizt dich einfach kein grosses, ehrliches Projekt mehr. Wir haben alle Wochenendtermine voll. Die Sampler, Platten verkauften sich grossartig und die Tapes und Cds auch - es war nie ein Bedarf an einem grossen Vertrieb. Es läuft und lief einfach von alleine.“
Auch muss man in der deutschsprachigen Szene (die italienische verödet Anfang der 90ger und wird momentan erst wieder langsam aktiv) sehen, dass in den ersten Jahren des Techno-Booms Cosmic in den Städten als veralteter Hippiescheiss gesehen wurde.
Auf dem Land, wo die Szene weiter lebt, ist man dem schnelllebigen Grossstadt Trend sowieso immer hinterher, und blieb meiner Meinung nach einfach beim Happy Heroin Sound. Erwähnung in Printmedien finden sich genauso wenig wie Einsätze im Radio – abgesehen von einer italienischen Radiostation, die für eine Weile Cosmic spielte.
Stefan Egger: „Ich glaube Afro / Cosmic ist einfach stehengeblieben. Nach den fetten Aufschwungjahren 1979 - 1985 kam nichts mehr nach. Es wurde gemixt, kreiert und veranstaltet - aber alles im kleinen Rahmen, und somit bekam die internationale Szene nichts mit.“
Erstaunlicherweise konserviert sich also der Electric Funky Afro Sound – seit 1979 entwickelt sich Cosmic stilistisch kaum weiter – und bleibt so ein Relikt aus der Golden Era des Disco - im italienischen Remix.
Für Sammler der Musik aus der Entstehungszeit der DJ-Generation, die sich nicht mehr als menschlicher Wurlitzer, sondern als kreativer Musikbastler und Weiterverwerter sieht, sollte Cosmic ein Highlight sein – Es ist der eigenartigste Strang des Disco der ersten Stunde, der nach wie vor lebt, und heute, im Jahre 2005, in einem Club live zu hören ist.
Das ist fast so, als hätte jemand Disco ins Eisfach gelegt.
Und das alles entstand, weil Baldelli und Co. Platten spielen wollten, die so klangen wie die von Bob und Tom?
Das scheint schon mysteriös genug an dieser wundervollen DJ-Bilderbuch Geschichte. Zusätzlich erweist es sich als schwierig, Bob Day und Tom Season aufzuspüren– Nach ihrer Heimreise in die USA hat niemand je wieder von Ihnen gehört. Keiner kann genauere Angaben machen, was die beiden heute treiben, und auch in New York scheint sie niemand zu kennen…
Stefan Egger: „(Baldelli und Mozart…) hatten keine Ahnung von der NY Szene - sie kannten nur Bob und Tom - alles andere haben wir erst später erzählt bekommen. Also wurde Italien nur von Bob und Tom beeinflusst…“

Cosmic spielt sich auch heute weiterhin nur im Dreieck Adriaküste-Innsbruck-München ab.
Die Art der Musik hat sich bis zum heutigen Tage aber doch verändert:
Der abgedrehte Teil der Musik ist stetig einem Brasil-House-Worldmusik Einheits-Sound gewichen.
Trotzdem gibt es immer wieder interessante Abende, vor allem, wenn Loda oder Baldelli sich vor kleinem Publikum die Ehre geben.
Interessant ist, dass momentan in Italien nach einem langen Tief wieder Cosmic in Clubs gespielt wird, und sich die Szene reformiert. So schliesst sich möglicherweise ein langer Kreis, den Bob und Tom 1976, ohne es zu wissen oder geplant zu haben, ins Leben gerufen haben.
Hilfreiche Infos:
Gute Mixe von Dj Vincenzo www.vincenzo-dj.de (unter Sound, z.b. den Afrofabrixx Mix)
Daniele Baldelli: www.danielebaldelli.com
Remember Baia – jährliches Fest (immer Ende Juli) mit dem orginal Baia Sound gemixt von Baldelli und Mozart: www.baiaimperiale.com
Grösste deutschsprachige Cosmic Seite von Stefan Egger mit mp3 Downloads und Forum: www.cosmic-music.com
Orginalfotos des Baia degli Angeli und aller italienischen Cosmic Clubs bis ca. 1985:
www.discotecheafrofunky.it/